Herbst – Woche 1

Mitten in der Metropole San Myshuno, wo das Leben pocht, die Wirtschaft floriert und die High Society eine Party nach der anderen feiert – leben Herwig und sein Sohn Harvey. Hätte dem ehemaligen Polizisten einmal jemand gesagt, dass er ebenso einmal in einer Absteige wohnt, in dem eigentlich nur Kriminelle und Drogenjunkies hausen, so hätte er wahrscheinlich denjenigen Lügen gestraft.  Tja, so schnell kann sich das Blatt wenden – von einer aufstrebenden Karriere im Polizeipräsidium, hinab in die Tiefen der Arbeitslosigkeit, Depression und Sinnlosigkeit.

Obwohl sich Herwig nichts sehnlicher wünscht als endlich alleine gelassen zu werden, keine anstrengenden ex-Kollegen mehr, die meinen ihm wieder auf die Beine helfen zu müssen oder damalige Freunde, die versuchen ihn aufzumuntern – wird er auch in diesem Rattenloch nicht verschont und drei, übelst gutgelaunte Nachbarn, meinen vorbei kommen zu müssen und ihm ihren Obstkuchen aufzudrängen.

Aber Herwig hat gelernt das Dauerklopfen und die „Hallo ist da jemand“-Tiraden auszublenden, er will keinen sehen – keinen außer seinen kleinen Sohnemann Harvey. Sollen ihn doch alle gestohlen bleiben, er möchte alleine sein und basta.

Das Einzige was ihn aufmuntert ist ein frisch gemixter Drink mit einem gehörigen Schuss Hochprozentigen, denn nur so vermag sein Hirn das Gedankenkarussell auszublenden, das ewige „Was wäre wenn“-Spielchen zu stoppen und die elenden Selbstvorwürfe zu verdrängen.

Doch auch wenn Herwig am Rande der Verzweiflung ist und am liebsten in die ewigen Fluten des Simson-River springen würde um seinen Leben den gar auszumachen, so reißt er sich zusammen – denn jemand braucht ihn,.. sein Sohn Harvey. Dieser bekommt natürlich nichts von dem Seelenleben seines Vaters mit und spielt munter in seinem versifften Zimmer mit dem Spielzeugauto. Wenn der Kleine nur wüsste, welch rettenden Anker, er schon in so jungen Jahren, für seinen Vater ist.

Kaum ist Herwig am Angeln und betrachtet das türkise Wasser, da verschaffen sich Erinnerungsfetzen Zutritt an die Oberfläche. Seit Herwig seine Frau verloren hat, ging es mit seinem Leben rapide bergab. Früher war er ein angesehener Kriminalpolizist, er liebte seinen Job und noch mehr liebte er, dass seine Frau ebenso seine Leidenschaft als Polizistin teilte. Doch dann kam der Unfall, Herwig war gerade an einem Tatort, als er von dem tragischen Schicksalsschlag erfuhr. Ein LKW hatte das Auto seiner Frau erfasst, dieses wurde gegen die Brückenplanken gedrückt, auf Grund der massiven Kraft des LKWs, durchstieß der PKW wenig später das Geländer und stürzte in den eiskalten Simson-River. Kaum war Herwig am Unfallort angekommen, konnte er nur tatenlos dabei zusehen wie Berufstaucher nach dem leblosen Körper seiner Frau tauchten – denn eines stand fest, keiner überlebt einen Absturz von der Simson-Brücke, noch dazu wo das Wasser eisigkalt war. Hätte er nur früher auf sein Handy geblickt, dann hätte er die unzähligen Anrufe von seiner Frau gesehen, anscheinend wollte sie ihm etwas Wichtiges mitteilen oder ihm um Hilfe bitten, da sie verfolgt wurde. Aber nein, er war wie immer so in seinem Fall vertieft, dass er keine Störungen duldete und prophylaktisch sein Handy auf lautlos stellte.

Tja, das war damals .. heute hatte er alle Zeit der Welt, denn er hatte weder Job noch Verpflichtungen – außer natürlich die Aufzucht seines Jüngsten. Doch auch wie sehr Herwig sich anstrengte, er konnte seinem Kleinen einfach kein schöneres zu Hause schenken, das Geld war mehr als knapp – seinem Alkoholkonsum zu schulden, es fehlte einfach an jeden Ecken und Enden.

Sogar die Badewanne wurde nur notdürftig aus ein paar alten Latten zusammengeschreinert und stand Mitten im Freien. Aber Harvey machte dies nichts aus, ganz im Gegenteil – er genoss die Badezeit mit seinem Dad, lauschte den zwitschernden Vögeln und planschte im lauwarmen Wasser.

Danach wurde mal wild als Nackedei im Garten herumgetollt – tja, in so einer Umgebung stört sich wohl „daran“ als Letztes jemand, denn an Etikette denkt an diesem gottverlassenen Ort wohl keiner.

Aber natürlich kann er auch großer-Junge spielen und lässt sich die Kleidung, fasst widerstandslos wieder anziehen. Nur das mit dem Töpfchen gehen muss noch etwas geübt werden, aber schließlich ist noch kein Töpfchen-Meister vom Himmel gefallen ;).

Auch das Klecker lose -Essen ist noch nicht ganz in Fleisch und Blut übergegangen, was Herwig fast zur Verzweiflung bringt. Nun mal ehrlich Herwig, du regst dich wirklich über die paar Krümel auf? Hast du mal deine restliche Bude gesehen, die grenzt an eine Müllhalde!

Zur Beruhigung greift Herwig zu seiner zweitliebsten Droge, der Blubbermaschine – die seinen Kopf so schön vernebelt und sein Hirn in rosa Watte packt. Doch dann und wann, tritt auch das Gegenteil ein und Herwig kommen die Erinnerungen wieder hoch … als er zum Beispiel Helen auf der Polizeiakademie kennenlernte, sich Hals über Kopf in sie verliebte. Als die Beiden ihre erste gemeinsame Wohnung bezogen…

.. und als ihr gemeinsamer Krümel auf die Welt kam. Herwig liebte seinen Sohn abgöttisch, schließlich war er das einzige Verbindungsstück was ihm von seiner geliebten Helen geblieben war. Doch zeitgleich wünschte er sich, auch wenn er diesen Gedanken nie laut aussprechen würde, dass der kleine Harvey nicht auf der Welt wäre. Denn zu sehr schmerzte ihn die Ähnlichkeit mit seiner Frau, die süße Stupsnase, das gleiche Lächeln und die Kulleraugen. Jedes Mal wenn er in das Gesicht seines Sohnes blickte, musste er unmittelbar an Helen denken.

In solchen Momenten verbarrikadierte er sich in sein Schlafzimmer, heulte sich die Seele aus dem Leib und schlief dann erschöpft ein.

Währenddessen sich der kleine Harvey selbst beschäftigte und den Garten etwas verschönerte ^^. Zum Glück seines Vaters, war der kleine Mann schon äußert selbstständig für sein Alter. Er ging alleine aufs Töpfchen (auch wenn des Öfteren einmal etwas danebenging), beschäftigte sich selbst und legte sich sogar eigenständig ins Bett, wenn ihn die Müdigkeit überkam – lediglich das Essen, musste ihn sein Vater kredenzen.

Auch wenn es von außen nicht so aussah, Harvey war ein glückliches Kind. Er liebte seinen Dad und freute sich jedes Mal, wenn er sich mit ihm abgab.

Er konnte sich kaum an seine Mutter erinnern und so kam er mit der ganzen Situation recht gut zurecht.

Harvey musste sich an keine strikten Regeln halten, es gab keine fixen Schlafenszeiten und auch keine Einigung was das Spielen draußen bei Dunkelheit anging. Das Einzige auf was sein Vater bestand war, dass er auf dem Grundstück bleibt und sich vom Wasser fernhält. Zweiteres hatte der kleine Kerl aber nie verstanden, schließlich funkelte und glitzerte das blaue Nass so schön – was sollte daran also gefährlich sein?

Wenn Herwig nicht gerade vor der Glotze lungerte oder sich den Kopf zudröhnte, saß er vor dem PC und durchforstete irgendwelche Foren auf Hinweise zum „Unfall“ seiner Frau. Denn eines war ihm klar, es konnte unmöglich ein Unfall gewesen sein – denn warum hätte ihn seine Frau vorher sooft angerufen und warum hatte der LKW den PKW ansonsten mit voller Wucht von der Brücke gedrängt? Im Bericht stand, dass der LKW einen Sekundenschlaf hatte und auf die Gegenspur kam – aber das konnte Herwig unmöglich akzeptieren, da war mehr dahinter.

***

„Hier haben sie ihr Mittagessen Mrs. Leyland. Ich hoffe es schmeckt Ihnen und sie werden bald wieder gesund.“, überreicht Zoe den Teller mit Krankenhauskost und schenkt der alten Dame ihr schönstes Lächeln. „Patel, ich muss Sie kurz sprechen – bitte kommen Sie mit.“, forderte der Kinderarzt Zoe auf, die wenig später stutzig dem Mediziner folgte. „Vor Kurzen habe ich einen kleinen Jungen namens Harvey behandelt, er hatte wohl nur eine leichte Verkühlung, aber ich sah, dass er abgemagert aussah und auch vom Äußerlichen her ungepflegt. Ich will dem alleinerziehenden Vater nicht gleich das Jugendamt auf den Hals hetzen, möchte aber, dass Sie für mich quasi einen Außendiensteinsatz übernehmen – bitte sehen Sie bei der Familie vorbei, erkundigen Sie sich um den Gesundheitszustands des Jungen und schauen zeitgleich mal nach dem Rechten, in welchem Zustand das zu Hause von Harvey ist, ob es kindgerecht ist usw.“, forderte der Doktor, Zoe auf, die ihr Glück kaum fassen konnte, schließlich wollte sie Medizinerin werden und nicht einfach nur Tag für Tag das Essen für die Patienten austeilen und die Betten machen.

Sie verlor also keine Zeit, ließ sich die Adresse der Familie geben und stand in einer halben Stunde auf deren Matte. Schon nach dem zweiten Klopfen wurde ihr die Tür geöffnet, natürlich wurde vorher durch den Türspion gelinst ^^. Ein lächelnder Mann und sein Sohn, ebenfalls im Pyjama, lächelten die junge Frau an. „Hallo, mein Name ist Zoe Patel – ich komme vom örtlichen Krankenhaus und wollte mich erkundigen, wie es Ihren Sohn so ergeht. Hat er noch Husten und Schnupfen?“, flunkerte die Braunhaarige und kam nicht umhin den etwas verwahrlosten Herwig, auf eine gewisse Art und Weise, anziehend zu finden.

Herwig verneint wohl, ließ aber dennoch die vermeintliche Frau Doktor herein und gestattete ihr sogar, den kleinen Harvey ins Bettchen zu bringen und ihm seinen Herzschlag zu messen. Zoe konnte nicht glauben was sie da sah, überall waren Risse und nasse Stellen an den Wänden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich der Schimmel auf den ganzen Putz ausbreitete und eine allergische Reaktion bei den bereits angeschlagenen Harvey auslöste.

Sie versuchte sich jedoch nichts anmerken zu lassen, wie schlimm sie den Zustand des Hausen empfand und machte sich sofort daran, ungefragt alle Teller und Gläser einzusammeln, um diese Abzuspülen.

Als wäre das nicht schon genug, riss sie den Kühlschrank auf und zauberte Herwig, aus den Resten, noch einen kleinen Snack. Der diesen dankbar und etwas irritiert annahm. Eigentlich war Herwig gerne alleine, aber seit er Zoe durch den Türspion erblickt hatte, wurde er das Gefühl nicht los, dass er sein Leben wieder in die Hand nehmen musste und sich wieder anderen Sims öffnen sollte. So kam es, dass Zoe jeden Tag nach ihrer Schicht im Krankenhaus, bei den beiden Jungs vorbei sah und diese kulinarisch verköstigte und das Haus auf Vordermann brachte.

Herwig war der Medizinerin überaus dankbar und sie brachte ihn sogar soweit, wieder einmal bei Sonnenschein vor die Türe zu gehen bzw. sogar mit seinem Sohn auf den örtlichen Spielplatz ein paar schöne Stunden zu verbringen.

Als der kleine Harvey fröhlich im Bällebad herumtollte, fasste sich Zoe ein Herz und gestand Herwig, dass sie eigentlich keine richtige Ärztin ist, sondern nur in Ausbildung und nur das Umfeld des kleinen Knirpses auskundschaften sollte – da er damals so mager und ungepflegt aussah, dass sich der behandelnde Mediziner Sorgen machte.

Natürlich traf Herwig diese Erkenntnis zutiefst – Zoe, die ihm nach den paar Tagen schon so dermaßen ans Herz gewachsen war, hatte ihn von Anfang an nur belogen. Sie wollte ihn anscheinend nur ausspionieren ob er ein guter Vater war und falls nicht, das Jugendamt informieren, um ihm dann einfach den kleinen Harvey wegzunehmen. Er fühlte sich betrogen und beschämt und ließ diesen Unmut ohne Umschweife an Zoe aus, die sodann in Tränen ausbrach.

Die Tage vergingen, Herwig war wieder in seinen damaligen Trott zurückgefallen und war mit sich und seinem Selbstmitleid beschäftigt. Er war schon froh, dass er sich aufraffen konnte um den plätscherten Wasserhahn zu reparieren, aber zu mehr war er bei Gott nicht imstande. Die andauernden Anrufe von Zoe und das vehemente Klopfen an seiner Tür ignorierte er gekonnt.

Als er mal wieder im Dunkeln seine Angelschnur auswerfen wollte, um dem kleinen Harvey zumindest etwas halbwegs Gesundes auf den Tisch zaubern zu können. Erblickte er in seinen Augenwinkeln eine hastige Bewegung, wie aus dem Nichts stand Zoe vor ihm. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals und ehe er sich versah viel Zoe in seine Arme und bedeckte ihre seidigen Lippen mit seinen.

***

Zoe hatte lange überlegt was sie machen sollte, okay – sie war anfangs nur wegen ihres Auftrags zu Herwig und Harvey gekommen, aber als sie die Beiden sah, war es um sie geschehen. Sie konnte nicht sagen ob sich ihr „guter Samariter“-Gen meldete oder einfach nur der Mutterinstinkt oder auch Beides, sie wollte den Beiden helfen und sie auf gar keinen Fall vom Jugendamt entzweien lassen. Mit der Zeit verliebte sie sich in Herwig und hatte dann eben die wahnwitzige Idee, mit offenen Karten zu spielen, um ihre Beziehung nicht auf einer Lüge aufzubauen. Das damit alles in die Brüche geht, hatte sie natürlich nicht bedacht. Dann sah sie aber bei einem nächtlichen Spaziergang Herwig und setzte alles auf eine Karte, sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und sprang ihm quasi in die Arme um wenig später ihre Lippen auf seine zu pressen und all ihre Liebe in den Kuss zu stecken. Nun stand sie hier, nur mit einem Nachthemd bekleidet – mitten in der Küche von Herwig und dem kleinen Harvey, der brav sein Geschäft verrichtete und sie fragend anguckte.

„Stell dir vor Flora, kannst du dich noch an den schnuckeligen Typen erinnern und dem herzallerliebsten Jungen von dem ich dir erzählt habe? Nun ja, wie soll ich es dir sagen – wir sind nun zusammen und ich kann es kaum glauben.“, platzt es auch Zoe heraus und sie strahlt mit der Sonne um die Wette.

Seit diesem Ereignis, kam Zoe wieder jeden Tag vorbei und blieb sogar, dann und wann über Nacht. Sie kochte den Jungs, putzte das Haus und versuche sogar, die Risse mit Hilfe von Herwig zu reparieren. Am liebsten hätte sie die kleine Familie ja zu sich nach Hause geholt, aber sie wollte Herwig nicht verschrecken – schließlich wusste sie von seinem schrecklichen Verlust und dass er noch sehr an seiner verstorbenen Frau hing. Sie musste es langsam angehen lassen, auch wenn der kleine Knirps sie andauernd in seiner Babysprache mit großen Augen fragte, ob er ihre Mama sein will. Natürlich wollte sie – aber wie sagt man so schön „Gut Ding braucht Weile“.

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